Wieder was dazugelernt - wunderte ich mich doch darüber, dass ein mir angebotenes Grammophon eine Schalldose mit abgewinkelter Nadelhalterung trug, was bei den mir geläufigen Abtastungen so überhaupt keinen Sinn machte (ausser, die Nadel sollte es leichter haben, aus der Rille zu springen).
Das Geheimnis dahinter ist das Prinzip, wie der Schall auf der nach ihm benannten Platte verewigt wurde. Meine laienhafte Annahme, die Rille sei einer Schallwelle nachempfunden in die Platte eingraviert, stimmt nur zu einem Teil - das Grundprinzip, das Onkel Edison damals bei seinem Phonographen verwendete, lief tatsächlich nach diesem Strickmuster und hört, da die Wellen halt entsprechend unterschiedlich tief eingraviert sind, auf den schönen Namen “Tiefenschrift”. “Normale” Schallplatten hätten aber prinzipbedingt mit der Tiefenschrift so ihre Probleme, insbesondere das naheliegende, dass die damaligen schweren Tonabnehmer in Verbindung mit Stahlnadeln ein zu weiches Plattenmaterial sehr schnell zu Grunde gerichtet hätten (und haben - werden wir noch lernen…)
Wie funktioniert jetzt die normale Platte? Hier hat sich der Vater der Schallplatte - Emil Berliner - ein etwas anderes Verfahren ausgedacht: Die Rille ist konstant tief und dient als Führung, die Toninformation ist durch seitliche Auslenkung eingraviert. Damit erklärt sich auch die Konstruktion der normalen Grammophon-Schalldose, bei der die Nadel seitwärts mit der Membran verbunden ist. Von einer Tiefenschrift-Platte würde eine solche Schalldose recht wenig wiedergeben können.
Und wie erklärt sich nun die “geknickte” Dose?
Frei nach Edison, der auch immer schonmal gern seine Idee als die allein seligmachende verkaufte, gab es seinerzeit auch Schallplattenhersteller (insb. die französische Pathé), die das Tiefenschriftverfahren für die bessere Lösung hielten. Während das Berliner-Grammophon die Schalldose parallel zur Rille montiert hat und die Nadel seitlich auslenkt, ist beim Pathé-System die Schalldose quer zur Rille montiert und die Nadel lenkt vertikal aus - naja, was man halt in diesem Zusammenhang vertikal nennen mag. Um die Verwirrung perfekt zu machen, scheint es beim Pathé-System üblich gewesen zu sein, die Platte von innen nach außen abzutasten (zumindest keine völlig abwegige Idee, wenn man sich anschaut, wie das bei modernen optischen Datenträgern funktioniert).
Über die Vor- und Nachteile scheiden sich scheinbar die Geister - generell scheint das Seitenschrift-Verfahren weniger anfällig für Störgeräusche zu sein und die Plattenaufnahmen länger leben zu lassen. Der große Edison hatte dem übrigens noch etwas zugesetzt und eine sog. “Diamond Disc” entwickelt - die er bezeichnenderweise so nannte, weil sie mit einer Saphirnadel abgetastet werden musste (und entsprechend weniger Auflagegewicht im Vergleich zu den stählernen Platten-”Pflügen” jener Zeit). Das Teil kam denn auch mit Tiefenschrift und z.T. erstaunlichen Spieldauern, war aber wie so manch ausgeklügeltes und fortschrittliches System zum Untergang verdammt, weil ein etabliertes und zudem viel billigeres System den Markt schon fest im Griff hatte. Parallelen zu modernen Videoformaten drängen sich förmlich auf.
Da sieht man’s mal wieder. Man lernt nie. Aus.