3. Juni 2007

Nostalgie-Flut…

Kategorie: Allgemein — Jerry @ 01:46

Alte Schätzchen hat’s ja viele da draußen - aber gerade bei Grammophonen scheinen Repliken momentan ganz groß in Mode zu sein. Das allein wäre noch kein Beinbruch, wenn wenigstens ein gerüttelt Maß an Vielfalt herrschen würde. Aber nein, der Regelfall ist das Trichtergrammophon Typ “08/15″ unter dem Namen “His Master’s Voice” (wobei letzteres bei Aufkleber und etwaigen Gravuren auch noch unterschiedlich fehlerhaft geschrieben ist).

Ja, ich habe selbst auch so eins:

HMV Nachbau (aus Indien?)Im Prinzip ist gegen eine Replik noch nicht viel zu sagen. Die Alternative wäre für viele Fans des Nostalgischen ein Original für viele hundert wenn nicht gar tausend Euro, weniger spaßig wird’s aber, wenn man sich die Detailtreue und die Funktionsfähigkeit vor Augen führt.

Viele dieser Kopien fallen durch recht grob ausgeführte Tonrohre und Steckverbindungen für den Trichter auf. Der Trichter ist oft schlicht gehalten, manchmal aber auch aufwendig “graviert” (wobei eigentlich nur von Prägung die Rede sein kann, was bekanntlich maschinell recht gut geht) - tatsächlich hält sich der Aufwand also in Grenzen. Das Gehäuse ist i.d.R. tatsächlich aus Massivholz, was aber noch nicht viel heißen muss. Die Ausführung der Lackierung lässt auf jeden Fall den letzten Zweifel fallen - hier wurde schnell und kostengünstig mit modernem Material gearbeitet.

Interessant sind vielfach die verbauten Werke. Meist handelt es sich um einigermaßen sauber laufende Doppelfeder-Antriebe, mit denen eine Platte relativ laufruhig abgespielt werden könnte. Die Geräuschabsonderung dieser Laufwerke ist nicht immer ideal, lässt sich aber mit etwas Schmierung halbwegs unter Kontrolle bringen.

Ungünstig - wenngleich mir hier der direkte Vergleich zum Vorbild fehlt - ist die Anordnung von Plattenteller und Feststeller. Die Plattenteller dieser Nachbauten sind gern einfache Formbleche mit einem Filzbelag, damit also oft nicht wirklich rund laufend sondern eher “eierig”. Ist dann das Gelenk im Tonrohr etwas schwergängig und die Nadel nicht mehr ganz fit (nicht jeder beherzigt das “jede Nadel nur einmal benutzen”) ist die Spurrille auf der Platte nur mehr eine Leitlinie als eine Regel.

Aus der Nähe betrachtet Die verwendete Schalldose (draufgraviert ist “Sound Box” - die etwas willkürliche Übersetzung “Krachschachtel” drängt sich auf) hat dann auch meist eher die Funktion, überhaupt nachzuweisen, dass auf der Platte eine Tonaufnahme ist - nicht aber, diese besonders originalgetreu wiederzugeben. Ein Vergleich mit einer “vernünftigen” Schalldose mit Glimmermembran offenbart Unterschiede wie Tag und Nacht.

Trotzdem mag ich diese Stücke nicht rundheraus “verdammen” - ich mag die Bauform des Trichtergrammophons, und die Nachbauten sind eindeutig dekorativ - sie sind nur eben kein wirklicher Ersatz für ein Original, wenn es auch darum geht, für mehr als einen bloßen Gag mal alte Schellacks abzuspielen.

Wenn - was sich kaum vermeiden lassen wird - also jemand interessiert auf einschlägige Auktionen für diese Kopien schaut, so sei versichert: Der z.Z. übliche Preis zwischen 40 und 100 Euro für so ein Gerät geht völlig in Ordnung - für ein Dekorationsobjekt mit begrenzter Funktionsfähigkeit. Ich habe seinerzeit noch deutlich mehr bezahlt, da waren die Dinger auch noch nicht gar so häufig anzutreffen.

Trotzdem bleibt natürlich die Sorge, dass der Originalitätsfaktor bei dieser beinahe schon Massenware auf der Strecke bleibt.

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